Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

ZIMBABWE

Hwange Nationalpark, Zimbabwe, morgens um halb sieben. Noch ist die Welt in Ordnung an diesem Dienstag im Mai eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, auch wenn es nahe Null Grad Celsius kalt ist. Das scharfe Klicken der Patrone, die in den Gewehrlauf gleitet, ist das einzige Geräusch. Spike lädt seelenruhig durch. "Für alle Fälle", grinst er und mustert die Greenhorns, die er durch den Busch führen soll. Zu Fuß. "Wenn ein Tier auf dich zu kommt", sagt er, "darfst du niemals weglaufen. Es ist auf jeden Fall schneller als du". Bei den Wildhütern im ehemaligen Süd-Rhodesien sind Reste britischen Kolonial-Humors offensichtlich unausrottbar. "Game" nennen sie hier die Wildtiere, aber das ist kein Spiel, sondern der Ernstfall. Zu Fuß auf der Suche nach den "big five", den großen Fünf - Löwe, Leopard, Elefant, Büffel und Nashorn. Der Wunsch geht an diesem Morgen - gottseidank - nicht in Erfüllung. Knapp zehn Minuten ist der siebenköpfige Touristen-Trupp unterwegs, da endet der Trampelpfad durchs Unterholz an einer Lichtung in der Baumsavanne. Ein friedliches Bild lenkt von dem Gefühl des ständigen Beobachtetwerdens ab: Warzenschweine wetzen um die Wette, Gnus grasen, Giraffen gaffen. Tellergroße Spuren im weichen Boden. "Hier ist vor kurzem ein Elefant durchgekommen", sagt Spike. Vermutlich ein Bulle. Spike will die ungefähre Größe herausbekommen und misst den Umfang eines Abdrucks, indem er einen Fuß vor den anderen setzt. "Fünf Fuß, mal zwei, macht eine Schulterhöhe von etwa drei Metern, ein schöner Brocken", lautet seine Schlussfolgerung.

Zimbabwe ist Safari-Land. Die Tiere sind das größte Kapital des Binnenstaates am Wendekreis des Steinbocks (umgeben von Südafrika, Botswana, Namibia, Sambia und Moçambique), der weder Küsten noch Strände besitzt. Dafür aber aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit eine für schwarzafrikanische Verhältnisse gute Infrastruktur. Fehler wie in Kenia, wo die Safari zum Massenprodukt verkommt, will man in Zimbabwe vermeiden. Zwar stauen sich in der Hochsaison (Mai bis Oktober, Weihnachten, Ostern, Pfingsten), hin und wieder die Busse im Hwange Nationalpark, der immerhin fast so groß ist wie Schleswig-Holstein. Und in Victoria Falls, dem zweiten Tourismuszentrum, kommt es zu Engpässen bei Hubschrauberflügen über die spektakulären Wasserfälle. Doch das Land steht an der Schwelle einer vielversprechenden touristischen Zukunft, zielt die strategische Entwicklung doch auf eine zahlungskräftige Klientel, die ein paar Tage in komfortablen Lodges mitten in der Wildnis das Abenteuer Safari erleben will. Katete in den Bumi Hills am mehr als 4.000 m² großen Kariba-Stausee ist eine dieser Luxus-Lodges. Die Anlage besitzt lediglich 14 strohgedeckte Rundhütten-Bungalows, beherbergt maximal 28 Gäste. Die können von ihren Zimmern aus am Ufer des Sees Elefanten, Büffel, Antilopen, Nilpferde, Affen und Ellip-senböcke beobachten. Sie können mit dem Boot zu den Inseln "Starvation Island" oder "Twin Sister Island" hinausfahren und, mit ein bisschen Glück, Elefanten beim Schwimmen zusehen; immer aber erleben sie einen spektakulären Sonnenuntergang vor der Kulisse abgestorbener Baumkronen, die wie polierte Zahnstocher aus dem Wasser ragen. Oder sie fahren nur ein paar Kilometer mit dem Jeep (und ei-em Guide) hinaus, um sich plötzlich mitten in einer Büffelherde oder einer Elefanten-Familie wiederzufinden. Abends am Pool oder im First-Class-Restaurant werden die abenteuerlichen Erlebnisse diskutiert, wird die "Big-five-Liste" abgehakt.

Eine Begegnung mit Nashörnern wird in diesem - nördlichen - Teil des Landes nicht da-beisein. Wilderer, vor allem aus dem benachbarten Sambia, haben auf der Jagd nach dem wertvollen Horn (Marktpreis etwa 40 000 Dollar pro Kilo) sowohl Breitmaul- wie auch Spitzmaul-Nashörner derart dezimiert, dass eine Umsiedlung der Tiere in sichere Regionen im Innern und im Südosten des Landes notwendig wurde. Insgesamt leben in Zimbabwe noch rund 1.600 Nashörner. Zur eigenen Sicherheit werden die Tiere staatlicherseits enthornt (keine Tierquälerei, das Horn wächst innerhalb eines Jahres wieder nach). Die geschäftstüchtigen Zimbabwer überlegen allerdings, ob sich die abgesägten Hörner nicht gewinnbringend veräußern lassen...

Doch nach Zimbabwe zu reisen, allein um Tiere zu beobachten, hieße, auf ein einzigartiges Naturerlebnis zu verzichten. Wer das Land besucht, muss in die Matobo-Berge im Südwesten, nahe der Stadt Bulawayo. Mzilikatse, phantasievoller König des Stammes der Ndebele, ver-glich die runden Granitformationen mit Glatz-köpfen, als er sich 1840 in dieser Gegend niederließ. Tatsächlich haben Wind- und Wassererosionen die Felsen im Laufe der Jahrhunderte kugelrund geschliffen. Sie liegen wie gewaltige Murmeln auf gestrüpp- und baumbewachsenen Walrücken, bilden sogar Türme, an denen Touristen höchst vorsichtig vorbeifahren aus Angst, die Kugeln könnten jeden Moment herabkullern. Unwillkürlich befällt den Reisenden das Gefühl, sich auf eine Bowlingbahn der Götter verlaufen zu haben.

Der beste Platz, um diese seltsam anrührende, geradezu meditative Landschaft zu erleben, ist das Grab von Cecil Rhodes. Der Brite, der 1870 als Siebzehnjähriger nach Südafrika zur Kur reiste, hatte nicht nur einen ausgeprägten Sinn fürs Geschäft, sondern auch politische Visionen. Mit dreißig kontrollierte er die südafrikanische Diamantenproduktion, wurde Premierminister der Kapkolonie, veranlasste die britische Regierung zur Besetzung Botswanas, handelte dem Nachfolger Mzilikatses, König Lobengula, Schürfrechte ab und besetzte gleichzeitig dessen Land. Für die britische Krone, versteht sich. Nach ihm wurde die Kolonie Rhodesien benannt, die damals die heutigen Länder Zimbabwe, Sambia und Malawi umfasste. Seinen größten Traum freilich, eine Eisenbahnlinie von Kapstadt bis Kairo zu bauen, konnte Rhodes nur zu einem kleinen Teil verwirklichen. Er starb 1902 in Kapstadt und wurde wunschgemäß in den Matobo-Bergen an einem Platz begraben, der völlig zurecht den Namen "View of the World" trägt. Sein Leichnam wurde selbstverständlich mit dem Zug dorthin transportiert.

Höchst lebendig und noch dazu komfortabel im Zug zu reisen ist eine der schönsten Arten, Zimbabwe zu erleben. Im Bummeltempo rattert der "Zambezi Special" durch den Busch. Für die 470 Kilometer lange Strecke von Bulawayo nach Victoria Falls benötigt der Luxus-Zug eineinhalb Tage, inklusive Übernachtungs- und Safari-Stopp im Hwange-Nationalpark. In der "Emerald Class" reist die koloniale Vergan-genheit mit: poliertes Teakholz an den Wänden des Salonwaggons, karierte Vorhänge an den Fenstern, zwei Sofas und zwei gepolsterte Ohrensessel. Afrika im Wohnzimmer. Draußen galoppiert in der Ferne mit sanften Schaukelbewegungen eine Herde Giraffen, ziehen Elefanten, Büffel und Antilopen ihres Weges. Drinnen ruft eine kleine Melodie, liebevoll vom Schaffner am Xylophon intoniert, zum Lunch in den Speisewagen. Den Nachmittag vertreibt man sich bei Tee und Gebäck mit Literatur, vorzugsweise mit Werken des Großwildjägers Frederick Courtney Selous, der im Juni 1890 Siedler, weiße Soldaten und schwarze Söldner nach Norden führte, oder William Finaughtys, der von 1866 bis 1871 mehr als 500 Elefanten erlegte.

Victoria Falls schließlich ist nicht nur einen Bummel durch die viktorianischen Fassaden wert, sondern auch einen Hubschrauberflug. Denn schließlich stürzen an diesem größten Wasservorhang der Welt auf einer breite von 1.700 Metern pro Minute 550.000 Kubikmeter Sambesi bis zu 108 Meter tief. Dieses Schauspiel nimmt einem ebenso den Atem wie der Anblick schwimmender Elefanten im Kariba-See.

 

Veröffentlicht 1995 - © Michael Tempel

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