Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

Las Vegas

Es muss etwa zwei Jahren her sein, als bei einem der Top-Kunsthändler in New York das Telefon klingelte. "Hören Sie mal", sagte eine Männerstimme, "ich will ein paar Bilder kaufen..."

Pause.

"...ich möchte sie in meinem neuen Hotel in Las Vegas aufhängen."

William Acquavella, dessen Büro gleich um die Ecke des Metropolitan Museum of Modern Art in Manhatten liegt, hatte derart Unwahrscheinliches bereits öfter gehört und zahlte mit gleicher Münze zurück: "Wenn Sie das tatsächlich vorhaben, müssen Sie absolute Top-Qualität kaufen. Am besten Museums-Qualität, und sich eine wirklich außergewöhnliche Sammlung zulegen."

Moderne Kunst in Las Vegas? Wahre Werte in Sin City, dem Sündenbabel, der Spielerstadt in der Wüste Nevadas? Dort, wo alles Talmi ist und Künstlichkeit höchste Kunst? Zum Thema Bilder fällt einem da unwillkürlich eine Mona Lisa in Öl ein, die dem Betrachter zuzwinkert. Computergesteuert.

Aber Gemälde? Acquavella schnitt das Thema Kopien alter meister an. Sicherheitshalber.

"Nein nein," sagte die Stimme, "ich meine diese echten Sachen. Wo die Leute wissen, dass das Kunst ist. Van Gogh vielleicht oder ein paar Picassos, die haben einen guten Ruf. Bloß nicht diesen abstrakten expressionistischen Sch..."

Und dann hörte William Acquavella die Worte, die ihn schließlich doch davon abhielten zu glauben, hier wolle ihn einer verarschen.

"Ich werde mindestens 100 Millionen Dollar ausgeben."

Der das sagte (und sich dabei fürchterlich verkalkulierte), war Stephen Wynn, 56, einer der Big Player in Las Vegas und bis dato Besitzer dreier Hotels.

Etwa zwei Jahre später, im Oktober 1998, eröffnete Steve seine 2-Zimmer-Galerie mit Werken von Van Gogh, Renoir, Manet, Cézanne, Degas, Warhol, Gauguin, Pollock, de Kooning, Johns, Picasso, Matisse usw.

Wert: etwa 500 Millionen Mark.

Das Hotel, das er um die Galerie herum gebaut hatte, kostete zusätzlich ca. 2,6 Milliarden Mark.

2,6 Milliarden Mark. Da sind andere schon für viel weniger erschossen worden. Wie Benjamin "Bugsy" Siegel, der Anfang der 40er Jahre lächerliche sechs Millionen Mafia-Dollar für das "Flamingo Hotel" ausgab und diese Investition nicht überlebte.

Steve Wynn ist noch quickfidel und lässt sich - bei der Eröffnung im Oktober - feiern. Sein "Bellagio" am Las Vegas Boulevard (der "Strip") heißt nach dem Ort am Comer See, sieht aber nicht so aus. Immerhin könnten alle Einwohner des Italo-Originals gleichzeitig ein Zimmer bekommen. Am Fuße eines halbmondförmig gekrümmten 36stöckigen Hotelblocks - 2688 Zimmer, 308 Suiten, 2.500 Slot-Machines - quetscht sich die Fassade dieses So-könnte-es-auch-in-der-Toscana-stehen-Dorfes ans Wasser. Auf dem ein Riva-Motorboot schwimmt, selbstverständlich ein Original. Der Comer See made in Vegas ist 35.000 Quadratmeter groß und mit 1.100 Fontänen munitioniert, die regelmäßig zu Opern-Arien und Sinatra-Songs eine höchst eigenwillige Choreographie in den Himmel spritzen.

Also das war vielleicht eine Eröffnung. Der Gehweg vor dem Hotel ist mit Metallgittern abgesperrt wie bei einem Popkonzert. Geleitet von einem Jungen, auf dessen Schulter er einen Arm legt, geht Steve durch sein Hotel. Bodyguards mit Kehlkopfmikrofonen und Ohrstöpseln zehn Meter voraus machen den Weg frei. In der Drehtür nach draußen bleibt Wynn hängen, weil sie aufgrund zu starken Drucks blockiert. Ein paar peinliche Momente später betritt er unter dem Beifall der Menge den Asphalt des Trottoirs und startet die Fontänen-Show. Zu den Klängen von Frankie-boys "Luck Be a Lady" ruckt sein Körper in Stevie-Wonder-Manier vor und zurück, die Hände klatschen ohne sich zu berühren den Rhythmus, der Blick ist in die Endlosigkeit des nachtblauen Himmels gerichtet. "Thank you, Steve" - Schreie des Entzückens aus der Menge hinter der Absperrung.

Jaaaaah, das ist die Show, das ist Vegas. Ein sehr demokratisches 30 Millionen Dollar teures Ballett, an dem die Passanten auf dem gehweg und die Autofahrer im Stau kostenlos teilhaben.

Was machte es da schon aus, dass drinnen im Hotel Zimmertüren nicht aufgingen (trotz Schlüssel!); dass Toilettenspülungen nicht funktionierten; dass es 30 Minuten dauerte, bis der Zimmerservice eine Bestellung aufnahm und weitere 45 Minuten bis zu dessen Lieferung vergingen; dass das Café Bellagio personell hoffnungslos unterbesetzt war (trotz 9500 Angestellten im Hotel) und um neun Uhr morgens kein Müsli mehr hatte. "Anlaufschwierigkeiten," hieß es lapidar.

Nun muss man wissen, dass Nabob Wynn an retinitis pigmentosa leidet, einer unheilbaren degenerativen Augenkrankheit. Er sieht nur noch undeutlich, könnte erblinden. Anders freilich ist der "Kronleuchter" in der Eingangshalle nicht zu erklären. Diese mehrere Quadratmeter große Monströsität aus bunten, leuchtenden Glasblumen dringt vor bis an die Grenzen der Erträglichkeit zumindest abendländischen Geschmacksempfindens. Er wurde entworfen und gefertigt von dem amerikanischen Glaskünstler Dale Chihuly und kostete angeblich 10 Millionen Dollar. Spektakulär allemal. So wie die zehn Pools des "Bellagio", die in einer symmetrischen Gartenlandschaft liegen, in der man ständig glaubt, hinter der nächsten Hecke träfe man auf die Medicis. Und in den Shopping-Arcaden drängelt sich alles, was Rang und Namen hat - Armani, Hermes, Prada, Moschino, Tiffany, Chanel und Gucci.

So einzigartig wie die Gemäldesammlung ist die Show des "Ballagio": Der kanadische Cirque du Soleil hat hier seine feste Bühne. Was allerdings so nicht ganz stimmt, besteht sie doch aus sieben Millionen Litern Wasser (geht also nicht auf Tournee) und jeder Menge High-Tech. Die neue Show heißt entsprechend "O", phonetisch nachempfunden dem französischen "eau" - Wasser. Sie wird riesengroß an einer Säule am Beginn der pinienbewachsenen Auffahrt beworben. Darunter, wo normalerweise die Künstlernamen erscheinen, steht in großen Lettern: "Now appearing: Van Gogh, Renoir, Picasso." Vegas, wie es singt und lacht. Der Eintritt in die 2-Zimmer-Galerie kostet übrigens zehn Dollar. Was - pro Bild gerechnet - das "Bellagio" zum teuersten Museum der Welt macht.

Steve Wynn und das "Bellagio" stehen für eine neue und womöglich letzte Phase einer Entwicklung, die nach dem Bau des Hoover Damms und der daraus resultierenden Wasserversorgung mit Benjamin "Bugsy" Siegel und seinen Mafia-Kumpanen Anfang der 40er Jahre begann. Der geschniegelte Boss der "Murder Inc." an der Lower East Side investierte mit sechs Millionen Dollar dann doch deutlich zuviel schmutziges Geld in das "Flamingo" und wurde erschossen. Spieler, Gesindel, leichte Mädchen, Hollywoods Superstars, Filme wie "Fear and loathing in Las Vegas", "Casino", "Showgirls" und "Leaving Las Vegas" prägten und prägen:

Sin City; verrucht, verführerisch und total abgezockt.

Völlig falsches Image. Saubere Erlebniswelten sollten her, um Familien mit Kindern in die Wüste zu holen. Kurz hintereinander enstanden in den vergangenen zehn Jahren sogenannte Themenhotels wie beispielsweise das "Luxor": eine Pyramide mit einer Sphinx als Eingang (selbstverständlich größer als das Original in Gizeh) und einem armdicken Laserstrahl, der sogar vom Mond aus mit bloßem Auge zu sehen ist (was sonst bekanntlich nur der chinesischen Mauer gelingt).

Oder das MGM Grand, mit mehr als 5.000 Zimmern momentan noch das größte Hotel inklusive Erlebnispark und einer Effekt-Show, die sogar den ausgefuchstesten Bühnentechnikern das Wasser in die Augen treibt.

Oder das "New York New York", das neben Brooklyn Bridge, Freiheitstatue und Chrysler Building (kleiner als die Originale) auch eine Achterbahn besitzt, die zwischen der Manhattan-Skyline durchfährt.

Oder das "Excalibur", das die Zeit König Arthurs thematisiert und einen Haufen bunter Türmchen besitzt.

Oder das "Mirage", in dessen Gartenanlage sich seit knapp zehn Jahren regelmäßig ein Vulkan erbricht und das Wasser brennen lässt. Das Mirage nebenbei ist auch Altersruhesitz der Rosenheimer Tierfreunde Siegfried & Roy, die mit ihren weißen Tigern nach wie vor die Ränge füllen. Wobei die Nummer, in der Roy den Elefanten verschwinden lässt, echt verblüfft. (Roy sollte den Chirurgen wechseln, da die Liftings auch noch in der letzten Reihe des Theaters erkennbar sind).

Das "Mirage" gehört zu Steve Wynns Imperium wie das "Treasure Island" nebenan. Die Attraktion dort ist Schiffeversenken. Piraten gegen britische Seeleute. Deren Schiff sinkt, inklusive aufrechtstehendem Kapitän. Und taucht unter Abspielen von "Rule Britannia" Minuten später wieder auf. Mit aufrecht stehendem Kapitän. Damit die britischen Touristen nicht vergrault werden.

Auf halbem Weg nach Downtown erhebt sich der "Stratosphere Tower", eine Nachbildung der "Needle", die in Seattle steht (größer als das Original), obendrauf fährt eine Achterbahn. Und darüber kann man mechanisch 56 Meter tief den Freien Fall erleben (wer 315 Meter erleben will, springt über die Brüstung).

Die Erlebnis-Kampagne ging voll daneben.

Papi und Mami und die lieben Kleinen guckten sich alles an, schlugen sich an den Billig-Buffets die Bäuche voll und fuhren wieder ab. Geld ließen sie wenig da. 1997 kamen 30,5 Millionen Besucher, jeder von ihnen gab durchschnittlich 200 Dollar aus.

Aus. Vorbei.

In Asien und Südamerika crashen die Märkte, die superreichen Zocker bleiben aus. Manche Casinos wie z. B. das des MGM Grand mussten bis zu 56 Prozent Einbußen hinnehmen. Es gibt Tage unter der Woche, da könnte man in den Baccarat-Räumen eine Kanone abfeuern und würde keinen verletzen (außer den Kartengebern vielleicht). Nach zehn Jahren ungebremster Gewinnsteigerung ist der Trend rückläufig. Und trotzdem wird in Vegas investiert, was das Zeug hält. Hoffnungslos überhitzt, heißt es an der Wall Street. Die Aktien der Casino-Unternehmen werden niedriger notiert.

Derzeit gibt es in Las Vegas 109.000 Hotelzimmer, weltweit unangefochten Nummer 1 (auf Platz 2 liegt Orlando mit 94.000 Zimmern), mit einer ebenso unerreichten Auslastung der Zimmer von 86 Prozent. Bis zum Jahr 2000 sollen noch einmal 18.000 Zimmer dazukommen. Zuviel, sagt die Börse. Hotels wie das "Bellagio" müssen pro Tag 2,5 Millionen Dollar einnehmen, um die Unkosten zu decken. Um die neuen Kapazitäten zu füllen, müssen pro Jahr sechs Prozent mehr Besucher kommen - das sind 1,8 Millionen Touristen. Oder 50.000 pro Tag.

Mehr, wohlgemerkt.

Wo sollen die herkommen? Momentan steht an Platz 1 der Besucher Südkalifornien, an Platz 2 Nordkalifornien. Künftig wird aber auch dort Glücksspiel erlaubt sein - bei einigen Indianerstämmen sollen so historische Schulden per Lizenzen beglichen werden. Auf noch größere Messen und Kongresse setzen die Hotelbosse. Und die neuen Touristen sollen vorwiegend aus Europa und - wieder - aus Asien kommen. Dort, wo die Originale stehen, die im nächsten Jahr als die wohl unglaublichsten Kopien seit Menschengedenken als Hotels eröffnet werden:

Das "Venetien" zum Beispiel, am Strip gegenüber von "Mirage" und "Treasure Island". Hier entsteht Venedig. Mit einer Kopie des Dogenpalastes und des Campanile im Verhältnis 1:1.

Das ist Originalgröße.

Damit auch alles richtig gemacht wird, wurde mit der Leitung der Ausführungen eine kunsthistorisch sattelfeste Dame aus Venedig betraut. Der Zugang erfolgt über die Rialtobrücke. Im Innern: der Canal grande mit den Palazzi-Fassaden links und rechts, in denen 90 Shops (darunter erstmals auch Ludwig Reiter), Boutiquen, Cafés und Restaurants untergebracht sind. Nicht in Originalgröße, aber immerhin mit Gondeln und singenden Gondoliere. Und mit dem Markusplatz (auch nicht in Originalgröße). Und über allem wölbt sich ein künstlicher Himmel, hübsch blau mit weißen Schäfchenwolken.

Den kennt man seit ein paar Jahren bereits aus den "Forum Shops" neben dem Cesar's Palace. Dort spannt er sich über gewundenen Einkaufs-und Restaurant-Arkaden (u. a. mit Wolfgang Pucks "Spago" und "Chinois"). Und simuliert innerhalb einer Stunde rein farblich einen ganzen Tag - mit rosiger Morgen- und roter Abenddämmerung.

Im "Venetien" wird man auf derlei Effekte verzichten. Schließlich hat sich herausgestellt, dass in den Forum-Shops bei stündlich einbrechender Dunkelheit die Masse Mensch aufhört einzukaufen, weil sie denkt, die Läden schlössen sogleich. Deswegen geht im "Venetien" die Sonne nie unter. Dafür steigen vor dem Dogenpalast zur Belustigung des Volkes stündlich hunderte weißer Tauben auf.

Brieftauben, logisch.

In der ersten Phase des 2,4-Milliarden-Mark-Projekts sind 3036 Suiten geplant (Eröffnung am 21. April 1999), in der zweiten Phase nochmal 3000 Suiten (Eröffnung 2001). Dann wäre das Venetien das größte Hotel der Welt. (Was fraglich bleibt, denn das MGM Grand hat bereits Erweiterungen angekündigt, um den Titel zu behalten).

Bereits im März 1999 wird neben der Pyramide von LuxorGizeh ein Stück Südsee stehen. Das "Mandalay Bay" mit 3.700 Zimmern und "nur" 1,7 Milliarden Mark teuer bietet als Attraktion einen Palmensandstrand an 50.000 Quadratmetern Wasser.

Mitten in der Wüste.

Der Gag an dem Stück Südsee: Das Wasser kann künstliche Wellen werfen. Computergesteuert. Natürlich nicht nur zum Gaudium der Gäste. Sondern aus sportlichen Gründen. Damit dort künftig die Weltmeisterschaften im Wellenreiten abgehalten werden können.

Goodbye, Hawaii.

Ferner wird es Salzwassertanks mit Haien und Krokodilen geben, damit der Thrill nicht zu kurz kommt. Ebenfalls eine Novität, nein, eine Revolution für Vegas: Die edle Four-Seasons-Kette kommt mit einem separaten Aufsatz auf dem "Mandalay Bay". Soll heißen, mit einem Hotel im Hotel. Mit separatem Zugang und eigenen Expressaufzügen. Und vor allem: ohne Casino und ohne Spielautomaten. Dafür aber mit allem erdenklichen Luxus. Ein Separatissimo sozusagen. Das gleicht insofern dem Schlachten einer heiligen Kuh, als alle Hotels in Vegas so angelegt sind, dass der Gast - egal, wo er hin will, und sei es nur die Toilette - immer duchs Casino muss (welches nach wie vor über die Klimaanlage mit Minze und Sauerstoff versorgt wird, damit die Spieler auch ja nicht müde werden).

Genau gegenüber des Bellagio entsteht ein Hotel, das den Namen "Paris-Las Vegas" trägt.

Richtig.

Der Eiffelturm, der hier gebaut wird, ist allerdings nur halb so groß wie das Original. Dafür gibt's Replicas der Pariser Oper, der Champs Elysées, des Arc de Triomphe selbstverständlich und des Louvre (rein äußerlich und ohne Pyramide). Die Einkaufspassage innendrin heißt Rue de la Paix und besitzt ein Kopfsteinpflaster. Mit 2.900 Zimmern und geschätzen Kosten von lediglich 1,3 Milliarden Mark geradezu ein Schnäppchen. Dafür hat man vom Restaurant oben im Eiffelturm mit Sicherheit den besten Blick aufs Bellagio und die Fontänen-Show.

Dort darf man sich dann auch genüsslich Gedanken machen, wohin das alles führen soll. Wann ist Schluss mit dieser hyperdynamischen Entwicklung?

Wenn die Leute nicht mehr kommen, sagen die Hotelbosse.

Wenn das Wasser alle ist, sagen die Experten für Stadtentwicklung.

Pro Monat ziehen 6.000 Menschen nach Las Vegas. Voller Hoffnungen und Pläne und Zukunft. Pro Monat verlassen 2.000 Menschen Las Vegas.

Das sind die, die den Absprung geschafft haben. Ohne Hoffnungen und Pläne und Zukunft.

Viele müssen bleiben, weil sie pleite sind. Natürlich gibt es genug Jobs. Mehr als genug. Für die 9.500 im "Bellagio" gingen über 70.000 Bewerbungen ein. Denn da sind auch die guten Jobs darunter. Da kann man sich dann das Häuschen leisten 20 Kilometer entfernt von Downtown auf einer Parzelle. Die genauso aussieht wie die des Nachbarn und Tausende andere. Ein gutes Haus kostet so um die 130.000 Dollar. Und es gibt Schulen für die Kinder weit weg von den einarmigen Banditen und der sündigen Meile des Strip, und es gibt Supermärkte und Tankstellen und was man sonst noch so braucht zum Leben.

Doch dann gibt es die Jobs, für die oft nicht mehr als vier bis fünf Dollar die Stunde gezahlt wird. Und bis einer das Geld für die Rückfahrkarte nach Brackton, Minnesota, oder Alsett, Wisconsin, oder Ransom, Arkansas, gespart hat, können Jahre vergehen. Denn die Verlockung ist zu groß, aus den paar Hundert doch ein paar Tausend zu machen. Was nie funktioniert. Am Sonntag Vormittag gehen sie dann Downtown in die Fremont Street und haben braune Papiertüten in der Hand und sitzen und stehen in kleinen Grupen zusammen und führen hin und wieder die Papiertüte zum Mund und nehmen einen tiefen Schluck.

An der Wand eines Hauses steht geschrieben, das bis zum Jahr 2000 "Neopolis" hier entstehen soll, ein Komplex mit 18 Kinos und bestimmt vielen Shops und Boutiquen und Restaurants. Denn auch Downtown soll wachsen. Eine der jünsgsten Attraktionen ist "Fremont Experience". Das ist das Dach über der Fremont Street. Das auch das einstige Wahrzeichen der Stadt, den Neoncowboy Vic, überdacht und so seiner Wirkung beraubt. Denn das 500 Meter lange Dach enthält 2,1 Millionen Glühbirnenn in 65.000 verschiedenen Farben, gesteuert von 32 Computern, unterstützt von 208 Lautsprechern mit insgesamt 540.000 Watt.

It's showtime.

Düsenjäger und Hubschrauber dröhnen die Straße rauf und runter, die Meerjungfrau Arielle und seltsame Fische säuseln, Cowboys reiten und das jeden Abend ab halb neun.

Der Strom dafür und für den Rest von Las Vegas kommt übrigens wie das Wasser vom Hoover Damm.

Ach ja, das Wasser.

Das Wasser des gestauten Colorado River versorgt Nevada und Teile von Kalifornien und Arizona. Es ist kontingentiert. Bisherige Prognosen, dass das Nevada-Kontingent bis ins Jahr 2015 ausreiche, mussten revidiert werden. Beim derzeitigen Hotel- und Einwohnerzuwachs ist das Ende der Fahnenstange bereits im Jahr 2005 erreicht. Spätestens dann muss das erreichte Level eingefroren werden, weiteres Wachstum ausgeschlossen.

Und wenn die Leute dann mangels neuer Attraktionen und megahypergigantischen Replica-Hotels ausbleiben?

"Dann nehme ich meine Bilder und hänge sie eben zuhause auf," sagt Steve Wynn. Und dann wird er wieder zum Hörer greifen und die New Yorker Nummer wählen und Bill Acquavella sagen, dass er noch ein paar Bilder kaufen möchte. Weil zu Hause, da gibt es mehr als zwei Zimmer. Da ist noch Platz an der Wand.

 

Veröffentlicht 1999 - © Michael Tempel

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