Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

Der kleine Lord

Mit dem X-Type bekommst du einen Jaguar für weniger als 60.000 Mark. Muss das sein?

Als die Welt noch okay war, raste Jerry Cotton in seinem Jaguar E-Type Manhattans West Side Highway rauf und runter, in London fläzte sich Lord Schnösel im S-Type und die Hamburger Goldkettchen-Gang ließ im XJ12 den Arm mit der Rolex aus dem Fenster hängen, auch wenn's regnete. Entweder du warst was besonderes oder du hattest eben Geld, um mit der Katze den Asphalt zu streicheln. Und jetzt das: Jaguars Jüngster, der Schluss macht mit elitären Traditionen, der Jaguar für Jedermann. Der wahrscheinlich deswegen X-Type heißt, weil jeder X-beliebige damit fahren soll. Wenn er mindestens 5.9457,53 Mark auf den Tisch des Hauses legt (ungefähr die Hälfte von einem ausgewachsenen Jaguar). Dafür gibt's den Baby-Jag mit vier angetriebenen Rädern, sechs Zylindern und 196 PS. Seine Möchtegern-Lordschaft lümmelt allerdings auf Stoffsitzen, weil auf Leder lümmeln 3.403,14 Mark mehr kostet, und muss hinten die Scheiben per Hand kurbeln, weil elektrisch rauf und runter 762,77 Mark mehr kostet. Aber unbedingt notwendig ist, wenn die Fans Autogramme wollen und Handarbeit auf der Rückbank sowieso nicht in Frage kommt. Raubtier-Feeling erst jenseits der 60 Braunen, soviel steht fest. Da ändert auch das Armaturenbrett mit eingelegtem Vogelaugenahorn nichts.

Außen wenigstens sieht der Kleine aus wie der Abkömmling zweier Großer, ist aber eigentlich das Ergebnis eines flotten Dreiers: Das Gesicht mit den vier Stielaugen samt Halogen-Eiern quer und chromverzierter Kühlerschnauze kommt nach Lord XJ, den Pummel-Hintern hat er von Lady S-Type. Viel von dem, was man nicht sieht, stammt vom Konzernschwager Ford Mondeo, etwa die Bodengruppe und ein paar technische Innereien. Not very british, sorry. Da graust's den Puristen, aber der ist beim Baby-Jag sowieso an der falschen Adresse.

Also noch ein paar Tausis draufgelegt, die Bank wird's bestimmt einsehen, und den 3,0 V6 Executive für 71974,54 Mark ordern mit 231 PS und allem Pipapo, alles in Leder und grau eingefärbtem Vogelaugenahorn. Fehlt nur noch Premium-Klangsystem mit satten 180 Watt und CD-Player (2.620,81 Mark), Navigationssystem (5.006,92 Mark) und Bordfernseher (1.701,57 Mark). Und weil's dann auch schon egal ist, brauchst du natürlich die Sprachsteuerung. Damit CD-Player oder Radio, Telefon und Klimaanlage auch eine klare Ansage bekommen, was du von ihnen willst. Ob sie's dann auch machen, ist die andere Frage. Aber du orderst bei der Klimaanlage ja auch keine Flasche Schampus. Warum eigentlich nicht?

Du könntest auf der Autobahn bei 235 km/h ruhig ein Gläschen einschenken, der Baby-Jag lässt sich auch mit einer Hand lässig lenken, Bodenwellen und Spurrillen irritieren ihn kaum. Allerdings wird's jenseits der 5.500 Umdrehungen recht lärmig im Wagen, du solltest also deiner Freundin laut und deutlich sagen, wo sie ihre Finger lassen soll. Oder was du sonst noch gern hättest. Aber das tust du ja sowieso. Auf der Landstraße sprintet die 1.570 kg schwere Katze recht lebhaft durch die Kurven, das Fahrwerk kann sich sehen lassen. Und der permanente Vierradantrieb mit Dynamischer Stabilitätskontrolle (DSC) trägt viel dazu bei, dass du wirklich erst nach Verlassen der physikalischen Grenzen aus der Kurve fliegst. Die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung überzeugt, der Baby-Jag zickt auch in engen Kurven nicht rum. Die Bremsen allerdings fühlen sich alles andere als giftig an, der Bäcker von nebenan hat offenbar seinen Teig unterm Pedal vergessen. Was aber keine Abstriche bei der negativen Beschleunigung zur Folge hat.

Wenn du meistens allein fährst, reicht das serienmäßige 5-Gang-Getriebe aus. Wenn du öfter deine Freundin mitnimmst, leiste dir die Automatik. Deren zuschaltbare Sportfunktion freilich etwas hektisch ausfällt und auch nicht spontan genug reagiert. Dafür hast du dann Zeit für andere Sachen. Aber sei darauf gefasst, dass deine Freundin gern mal selber fahren will. Nicht immer, aber immer öfter. Denn der Baby-Jag ist unter uns gesagt ein echter Frauenliebling.

Die Daten

Jaguar X-Type

Power
2,5 V6 mit 196 PS (144 kw)
3,0 V6 mit 231 PS (169 kw)
Maximale Leistung jeweils bei 6800 U/min
4 Ventile pro Zylinder

Spaß
Top-Speed 225 km/h und 235 km/h (Werksangabe)
Sprint 0 - 100 in 8,3 bzw. 7,0 Sek. (Werksangabe)

Stoff
Durchschnittlich 9,6 bzw. 10,3 Liter auf 100 km (Werksangabe)

Kohle
2,5 V6 ab 59.457,23 Mark
3,0 V6 ab 69.431,97 Mark

Internet
www.x-type.com

 

Veröffentlicht 2002 - © Michael Tempel

Zurück zum Textanfang

© Michael Tempel 2007 - 2013