Redaktionsbüro Michael Tempel

Leseprobe

Berserker

Berserker Ralph "Sonny" Barger, Big Boss der Hell's Angels

Gott besitzt zwei Bodyguards und jede Menge Tätowierungen auf beiden Unterarmen. Allerdings ist er schon über Sechzig und die Tattoos sind nicht mehr so gut zu erkennen. Gott ist etwa 1,75 Meter groß, noch erstaunlich gut in Form und war mehr als 40 Jahre lang der Anführer der berüchtigten Motorradgang Hell's Angels. Ralph Hubert "Sonny" Barger junior ist für viele Mitglieder dieser eingeschworenen Bruderschaft bis heute ein Gott. Obwohl er jetzt nur noch reguläres Mitglied der Cave Creek Abteilung der Hell's Angels in Arizona ist.

Der Mann, der aussieht wie eine Mischung aus Ben Kingsley in "Gandhi" und einem gemütlichen Seehund hat auf den ersten Blick überhaupt nichts aggressives, nichts bedrohliches. Und dennoch war er über Jahre das Schreckgespenst und zugleich der rebellische Held der spießbürgerlichen Gesellschaft in den USA. Er hat nichts, aber auch gar nichts ausgelassen. Jede Menge Sex, noch mehr Drogen, Sauftouren, Schlägereien, Motorradtrips, Knast, Armee. Jetzt hat er außerdem noch ein Buch über sein Leben als oberster Hell's Angel geschrieben und wird an dessen Verfilmung mitarbeiten.

Damit sich das Werk überall gut verkauft, ging Sonny auch in Deutschland auf Tournee, zum Beispiel in Lübeck. Und weil er davon ausgeht, dass ihm die meisten Menschen Übles wollen, hat er gleich seinen Anwalt mitgenommen. Der stellt immer von vornherein klar, dass der höllische Erzengel nichts zu der Situation der Hell's Angels in Deutschland und Europa sagen wird. Nichts zu den blutigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Clubs vor allem in Skandinavien. Nichts zu der Tatsache, dass die Abteilungen der Hell's Angels in Hamburg und Düsseldorf verboten sind, nichts zu den Anschuldigungen von krimineller Vereinigung, Raub, gefährlicher Körperverletzung, illegalem Waffenhandel.

In den USA sind die wildesten Zeiten der Hell's Angels inzwischen wohl Vergangenheit, der Motorradclub ist eine richtige Gesellschaft und ihr geflügelter Totenkopf eingetragenes Warenzeichen. Wenn du ihnen blöd kommst und das Symbol ohne Genehmigung verwendest, schlagen sie dich nicht mehr so oft zusammen sondern schicken häufiger ihre Anwälte. Aus Ex-Knacki Sonny Barger ist ein respektabler Geschäftsmann geworden, der einen Motorradshop in Phoenix besitzt und seinen Namen nicht nur für T-Shirts, kleine Statuen und anderen Schnickschnack, sondern auch für verschiedenen Soßen hergibt.

 

Welche deiner Soßen verkauft sich denn am besten?

Jalapeno, Habanera und die Barbecue Sauce laufen nicht so gut. Am besten verkauft sich die Sonny Barger Cajun Salsa Soße. Damit verdiene ich richtig Geld.

Wenn jemand behauptet, deine Soße schmeckt beschissen, verprügelst du ihn dann?

Wahrscheinlich nicht. Ich bin überhaupt nicht gewalttätig. Es kommt immer darauf an, wie man mir gegenüber tritt. Ich reagiere nur auf das, was auf mich zukommt. Normalerweise gehe ich Gewalt aus dem Weg.

Aber die Hell's Angels sind nicht gerade dadurch bekannt geworden, dass sie alten Damen über die Straße helfen.

Wir erwarten von einem Hell's Angel, dass er für sich und für den Ruf des Clubs seinen Mann steht und sich nicht einfach umdreht und fortgeht, wenn er allein in der Öffentlichkeit beleidigt oder angegriffen wird. Wenn einer verdroschen wird, okay. Wenn einer angegriffen wird, nun gut, das passiert. Aber niemals darf ein Hell's Angel ungestraft eine Beleidigung einstecken. Und wenn er dann Prügel bezieht, weil er sich verteidigt, kann er sich immer darauf verlassen, dass seine Clubfreunde an denen Rache nehmen werden, die ihm das angetan haben.

Das ist ja wie bei den Musketieren, einer für alle und alle für einen.

Genau. Das bedeutet, wenn man sich mit einem Hell's Angel anlegt, dann hat man uns alle am Hals. Arschlöcher besaufen sich und meinen dann, sie wären die Größten, und es gibt eine Menge Leute draußen in der normalen Welt, die sich zu gern mit einem Hell's Angel anlegen würden. Wenn wir stets Mann gegen Mann kämpfen würden, dann müssten wir uns rund um die Uhr prügeln. Statt dessen ist es besser, nur einen derartig zur Sau zu machen, dass die nächsten zehn Typen sich gar nicht erst an uns heran trauen.

Als du die Abteilung der Hell's Angels in Oakland, Kalifornien, mitgegründet hast, warst du gerade mal 18 Jahre alt. Was hat das für dich damals bedeutet?

Für mich war es das wichtigste Ereignis in meinem Leben, als ich 1957 ein Hell's Angel wurde. Ich wollte einen Club mit engem Zusammenhalt und echten Männern, die auf ihre Maschinen stiegen, kreuz und quer durchs Land donnerten und sich nicht von irgendwelchen Vorschriften oder Verpflichtungen einengen ließen. Einen Club, der kurz entschlossen mal nach Massachusetts oder New York losfuhr, einfach mal an einem Abend ein paar Runden Bier schmiss und sich am nächsten Tag kräftig prügelte. Was ich brauchte, war eine zweite Familie. Ich wollte zu einer Gruppe von Männern gehören, denen nichts daran liegt, eine Ehefrau und zweieinhalb Kinder zu haben und in einem schäbigen Haus in Dale City oder San José zu wohnen, Männern, die lieber Motorrad fuhren, Wettrennen veranstalteten und auf den Putz hauten.

Was genau sind denn echte Männer?

Um ein richtiger Mann zu werden, muss man in der Army gewesen sein und eine Zeitlang im Knast gesessen haben. Wer in der Kaserne und im Knast gewesen ist, der lernt Disziplin und Überleben. Nach Army und Knast ist man auf alles vorbereitet.

Du warst mehr als 40 Jahre lang der oberste Höllenbengel. Kannst du kurz skizzieren, wie du diese Zeit erlebt hast?

Wir gründeten den Club in den 50-er Jahren, um Partys zu feiern und Motorrad zu fahren. Während der psychedelischen 60-er Jahre wurden die Hell's Angels zu einem roten Tuch für die Öffentlichkeit. Normalbürger, Bullen und Zeitungsfritzen fragten sich, was unsere Abzeichen bedeuteten. Mit ihren verrückten Phantasien und Vorstellungen dachten sie sich ihre eigenen Geschichten über uns aus. Im Kino wurden wir als die wildesten Motherfucker dargestellt, die seit Dschingis Khan und seinen Horden jemals durch die Welt getobt waren. Die 70-er Jahre waren unsere Gangsterära. Ich dealte mit Drogen und geriet in einen Haufen Scheiße hinein. Andere Clubs versuchten, uns ans Bein zu pissen. Alle hassten uns. Wir waren isoliert. In den 80-er Jahren bezahlten wir bitter für jedes beschissene Verbrechen, das wir je begangen hatten, und auch für ein paar, mit denen wir nichts zu tun hatten. Mit all diesen Verschwörungsanklagen wurden die 80-er Jahre zu einem einzigen wüsten Gewirr von Gerichtsverfahren.

Was war für dich die beste Zeit der Angels?

Das waren die 60-er Jahre. Jeder Hippie war nur allzugern bereit, dir seine Old Lady zum Ficken zu überlassen, manchmal wollte er als Gegenleistung ein bisschen Motorrad fahren. Wir machten tatsächlich nur, was wir wollten und was uns passte. Wir kombinierten die damalige Peace-and-Love-Stimmung mit unserer eigenen privaten Gegenkultur und das klappte wunderbar.

 

Respekt ist ein wichtiges Wort für Sony Barger. Seine Bikerbrüder behandeln ihn entsprechend. Als sie ihn mit ihren Harleys auf dem Weg ins Hotel Maritim nach Travemünde eskortieren, ist völlig klar: Der Chef fährt im Konvoi vorne links und keiner überholt ihn. Seine Frau Noel nimmt mit ihrer Maschine die Position hinter ihm ein. Sonny fährt immer vorne links, egal ob das zehn Biker sind oder 200. Manchmal stützt er die linke Hand lässig auf den Oberschenkel oder fährt kurz freihändig, um sich die Ärmel hoch zu krempeln. Abends in der Lübecker Kneipe "Louisen" sitzen Sonny und Noel zunächst allein am Tisch. Sie sollen in aller Ruhe erst mal was essen. Respekt. Sonny trinkt Mineralwasser. Als sie fertig sind, signiert er Dutzende Exemplare seines Buchs. Dazu setzt er eine riesige Hornbrille, fragt jedes mal genau nach dem Namen und unterschreibt mit großer Sorgfalt. Anschließend wollen alle zusammen mit Sonny fotografiert werden. Er setzt seine Brille ab und lacht jedes Mal, wenn es blitzt, gut gelaunt. Niemand bedrängt ihn, keiner wird lästig. Immer ist eine respektvolle Distanz spürbar. An seinem Tisch darf nicht geraucht werden. Sonny musste sich 1982 einer Kehlkopfoperation unterziehen. Krebs. Dabei wurden seine Stimmbänder entfernt. Jetzt hat er an der Kehle ein Loch mit einem Ventil drin, das von einem Pflaster verdeckt wird. Wenn er sprechen will, muss er mit dem Daumen auf das Ventil drücken. Seine Stimme schnarrt, trotzdem kann man ihn gut verstehen. Wenn er husten muss, klappt er das Pflaster hoch und hält sich eine Serviette vors Ventil. Sonny trinkt an diesem Abend Mineralwasser. Nur einmal teilt er sich mit Noel ein Gläschen Malteser.

 

Was ist los, trinkst du keinen Alkohol mehr?

Zwei Bier am Tag sind mein Limit. Und die hebe ich mir meistens für die Zeit vorm Schlafengehen auf.

Und was war dann mit den Saufgelagen früher, da hast du doch bestimmt ordentlich geschluckt?

Nein, ich habe noch nie viel getrunken. Ich vertrage nämlich nichts. Spätestens nach vier Bier bin ich dicht. Und wenn ich betrunken bin, dann kann ich richtig bösartig werden. Deswegen habe ich mich auch immer zurück gehalten.

Wie hast du das dann auf diesen Wahnsinnsparties ausgehalten, von denen du in deinem Buch erzählst?

Naja, ich habe eben viele Drogen genommen.

Als du diese Krebsoperation hattest, was ist dir da durch den Kopf gegangen?

So wie die Dinge lagen, rechnete man offenbar innerhalb weniger Wochen mit meinem Tod. Ich war stinksauer. Nun sollte ich also bald sterben und hatte praktisch keine Zeit mehr, loszugehen und all diejenigen in der Welt abzuknallen, die ich nicht ausstehen konnte.

Hat der Krebs etwas an deiner Lebenseinstellung geändert?

Er hat mich dazu gebracht, mit dem Rauchen aufzuhören. Das ist auch das einzige, was ich nie wieder machen würde. Immerhin hatte ich 30 Jahre lang Camel ohne Filter geraucht, drei Päckchen am Tag.

Glaubst du inzwischen an Gott?

Nein, ich glaube nicht an einen Gott, der alles vorherbestimmt. Es gibt Leute, die rutschen am Bordstein aus und sterben. Und dann gibt's Leute wie mich, die werden von einem Truck überfahren, haben Krebs und Herzanfälle und überleben. Ich bin sicher, dass es da etwas gibt, das sagt, wann du sterben wirst. Aber ich bin nicht sicher, was genau das ist.

 

Sonny lebt mittlerweile am staubtrockenen Stadtrand von Phoenix, Arizona. Er mag das heiße Klima. Er lernte es im Knast kennen und als er wieder draußen war, beschloss er, irgendwann hier her zu ziehen. Er ist zum dritten Mal verheiratet, hat eine Tochter. Seine Frau Noel züchtet Pferde. Normalerweise steht er morgens um halb sechs auf, um die Pferde zu versorgen. Manchmal reitet er auch aus. Anschließend kümmert er sich um seinen Motorradladen. Wenn er nicht gerade ein Buch schreibt. Ein Jahr lang war er nicht mehr in seinem Shop. Das wird wohl auch so bleiben, wenn er jetzt als Berater bei der Buchverfilmung mit Tony Scott arbeitet (in seiner Rolle könnte er sich übrigens gut Mickey Rourke vorstellen). Und anschließend will er noch ein Buch schreiben. Nicht über die Hell's Angels. Sondern Geschichten übers Motorradfahren. Denn das ist nach wie vor seine Leidenschaft.

 

Warum erzählst du eigentlich immer, dass Harley Davidson keine guten Motorräder baut?

Weil es stimmt. Von der Technik her sind die Bikes ziemliches Klump. Das neueste Modell ist nicht schlecht, es ist das japanischste, was sie jemals gebaut haben. Hätte ich es mir aussuchen können, hätte ich eine BMW oder eine Honda genommen. Aber damals fuhren wir eben alle Harley. Worum es bei den Harleys vor allem geht, ist der geile Donnerklang.

Bist du immer noch mit dem Bike unterwegs oder fährts du in deinem Alter inzwischen lieber mit dem Wagen?

Ich werde immer Motorrad fahren. Im letzten Jahr war ich über 70.000 Kilometer unterwegs.

Vermisst du es, dass du nicht mehr so oft in deinem Laden und in der Wertkstatt bist?

Schon, denn an Motorrädern zu basteln, herumzuschrauben und sie zu reparieren gehört zu den Dingen, die ich am allerbesten kann.

Liebst du dein Motorrad mehr als deine Frau?

Mein Bike ist meine Geliebte, mein Stolz, meine Freude. Wir von den Hell's Angels unterscheiden uns von all den anderen Motorradfahrern durch unsere Maschinen und die Art und Weise, wie wir sie fahren. Unsere Bikes, das sind wir.

Wie viel Bikes hats du gehabt?

Ungefähr acht oder neun Stück. Welches war dein Lieblingsbike? Das war "Sweet Cocaine". Ich hatte sie komplett selbst zusammengebaut, und an ihr war keine Schraube ohne den süßen Duft von Kokain festgedreht worden.

Steht sie noch bei dir in der Garage?

Nein, leider nicht. Sie wurde mir 1968 geklaut und, Mann, verdammt war ich sauer. Ich beraumte eine Notsitzung unseres Clubs an und orndete wutentbrannt an, dass niemand in dieser Stadt ein Motorrad fahren würde, bis ich meine "Sweet Cocaine" wiederhätte.

Und, hast du sie wiederbekommen?

Nein, sie haben die Maschine einfach in die Flussmündung bei Oakland geschmissen. Aber wir stöberten alle Typen auf, die mit dem Diebstahl zu tun hatten, fesselten sie und brachten sie in mein Haus. Dann fing die Bestrafung an. Wir verprügelten einen nach dem anderen mit der Lederpeitsche, droschen mit Stachelhundehalsbändern auf sie ein und brachen ihnen mit Hämmern die Finger. Anschließend nahmen wir ihnen ihre Motorräder weg und verkauften sie.

Und die Moral von der Geschichte?

Klaut niemals einem Hell's Angel sein Motorrad, schon gar nicht, wenn es ihrem Präsidenten gehört.

 

Gott vergibt. Sonny Barger nicht.

 

Veröffentlicht 2001 - © Michael Tempel

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